Die Redakteure des Gaming-Portals Playmassive staunten wohl nicht schlecht, als sie vor einigen Tagen auf ihrer Facebook-Seite einen verärgerten Kommentar von Deutschlands wohl bekanntestem Let’s Player Gronkh  vorfanden. Noch ehe sie darauf reagieren konnten hatten bereits über tausend Menschen den Post geliked und kommentiert, in welchem sich dieser darüber echauffierte, wie man YouTube-Persönlichkeiten wie ihn für mehr Klicks ausschlachtet. Er sei „angeekelt auf welchem Niveau man sich inzwischen bewege“.  Der Appell Gronkhs stieß auf starke Resonanz und es entwickelte sich ein regelrechter Shitstorm gegen die Redakteure der Website.

Doch viel wichtiger als der Kleinkrieg zwischen Gronkh und der Website, die er kurioserweise damals selbst gründete und von der er sich mit der Zeit mehr und mehr distanzierte, scheint die Tatsache, dass die boulevardeske Berichterstattung über angebliche YouTube-„Stars“, zu denen sich Gronkh niemals zählen würde, mittlerweile zum Alltag auf diversen Gaming- , Trend- oder Lifestyle-Magazinen im Internet geworden ist. Die Vorgänge in der YouTube- und Gaming-Community werden immer mehr zum Medienereignis und die dort auftretenden Persönlichkeiten zum gefundenen Fressen für klick-hungrige Redakteure, die einen möglichst großen Profit aus der Bekanntheit eben dieser Menschen schlagen wollen.

Von der „YouTube-Community“ kann heute eigentlich nicht mehr die Rede sein. Diese Bezeichnung war für das Portal von 2009 bis 2012 vielleicht noch zutreffend, als Videoproduzenten sich miteinander austauschten, kooperierten, in engem Kontakt zu ihren Zuschauern standen, welche meist selbst Produzenten waren. Doch das YouTube des Jahres 2016 gleicht mehr einer öffentlichen Arena als einer geschlossenen Gruppe von Gleichgesinnten: Während unten die Schlacht „Content Creator vs. Content Creator“ stattfindet, jubeln die Zuschauer auf den Rängen und entscheiden mit Daumen hoch oder runter über Leben oder Tod der Kombattanten. Und über diesen Gladiatorenkampf muss natürlich auch berichtet werden. Bestes Beispiel dafür: Die deutsche YouTube-Rangliste. So soll Schminkguru „Bibi“ Gronkh womöglich bald hinsichtlich der Abozahlen überholen. Playmassive widmete einen Artikel samt Video-Reportage der Feststellung dieser Tatsache. Schon vorher versuchten sie ihren Lesern über ein Jahr hinweg penetrant in regelmäßigen Abständen das gleiche „Gronkh-Quiz“ unterzujubeln, um somit an die Bekanntheit des YouTubers anzuknüpfen. Mindestens einmal pro Monat konnte man dort sein Wissen über private Details des YouTubers testen. Auch zu das YouTube-Kollektiv PietSmiet wurde ein ähnliches Quiz aufgesetzt. Danach platze bei Gronkh die Hutschnur.

Ginge es nach Maßstäben der medialen Effizienz, so kann man den Redakteuren diese Vorgehensweise eigentlich nicht verübeln, denn so gesehen handeln sie völlig richtig. Medienwissenschaftlich gesehen übersteigt eine Nachricht überhaupt nur die Aufmerksamkeitsschwelle des Lesers oder Zuschauers, wenn sie bestimmte Faktoren erfüllt, etwa den Bezug zu einer bekannten Person, den Überraschungs-Faktor, Negativität, etc. Eine Story über den Bäcker von nebenan oder, um in der digitalen Welt zu bleiben, den YouTuber der gerade seine 10 Abonnenten erreicht hat, würde nur wenig Sinn ergeben. Die Aufmerksamkeitsschwelle des Lesers würde nicht überschritten, der „Prominenz-Faktor“ wäre nicht gegeben und solange der betreffende YouTuber in einem Video nicht aus Versehen seine Katze vor laufender Kamera angezündet hat, blieben sowohl Überraschung wie Negativität aus. Eine Story, die Gronkh als Thema hat, generiert ganz natürlich mehr Aufmerksamkeit und lohnt sich daher mehr für die Redakteure, die durch die höheren Klick-Zahlen auch wirtschaftlich profitieren.

Dabei bleibt allerdings die Frage offen, wie weit man dabei gehen darf. Mit Klatschmagazinen wie Bunte oder InTouch machen uns die traditionellen Medien vor, wie weit man hinsichtlich der Geschmacklosigkeit gehen kann. Das Blatt Die Aktuelle wurde erst kürzlich vom Presserat gerügt, weil es in einer Reportage manipulierte Fotos von Prinz Philip veröffentliche und mutmaßte dieser würde nach einer schweren Erkältung mehr oder weniger zum Sterben nach Hause gehen. Und was für die traditionelle Boulevard-Presse die Cellulite des ehemaligen Top-Models, der Revieraufenthalt des notorischen Promi-Rasers oder das Sex-Tape einer Hollywood-Darstellerin ist, ist für die „Social Media Presse“ das Ende der Beziehung eines YouTuber-Pärchens, die „krasse Prank“ eines unlustigen Witzboldes oder die Tatsache, dass irgendjemand vermutlich, vermeintlich, wahrscheinlich dann aber doch nicht, seine Brüste in irgendeine Kamera gehalten haben soll. Gerne greifen diese selbsternannten „Gaming-, Popkultur, Lifestyle-, Internetkultur, Weiß-der-Geier-was-News-Magazine“ auch vermeintliche Shitstorms um Äußerungen oder Handlungen von YouTubern auf. Was viele Redakteure dabei allerdings meist nicht bedenken, ist, dass sie damit den Effekt des Shitstorms noch weiter anheizen; mit offensichtlich sehr negativen Folgen für die betroffene Person. Vielleicht ist das auch deren Intention. Ist die Meldung selbst nicht spektakulär genug, muss dann noch eine Überschrift oder ein Vorschaubild her, das dazu anstachelt auf den Link zum entsprechenden Artikel zu klicken: Clickbait. Die Redakteure bei Playmassive sind auf diesem Feld Experten: Kaum ein Artikel kommt ohne Überschrift oder Text-Snippet aus, der nicht dazu verleitet auf den Link zu klicken. Die neuen Online-Medien führen damit die Praxis der Effekthascherei, des erzwungen Skandals und der Ausbeutung „prominenter“ Persönlichkeiten fort, mit welcher die traditionellen Medien bereits seit Jahrzehnten, offenbar erfolgreich, arbeiten.

Den Betroffenen bleibt oft nichts anderes übrig, als dies über sich ergehen zu lassen. Ihnen ergeht es damit ähnlich, wie so manchem Hollywood-Darsteller, den Paparazzi auf Schritt und Tritt verfolgen, in der Hoffnung irgendetwas (am besten Skandalöses) zu beobachten, das sich für die nächste Schlagzeile im örtlichen Revolverblatt lohnt: Erst versucht man der Boulevard-Presse aus dem Weg zu gehen und möglicherweise seinen Prominentenstatus abzustreiten, um weiterhin ein „normales Leben“ führen zu können. Doch mit steigender Popularität tritt bei den meisten Prominenten Resignation ein. Die Dauer-Präsenz in den Medien wird zum Teil des Lebens, wobei die einen besser damit umgehen können als andere.

Einigen YouTube-Persönlichkeiten, das muss man auch feststellen, ist es gerade Recht, dass sie ins Rampenlicht gestellt werden. Sie mögen es zu polarisieren: Wenn man sich die Videos der mittlerweile wieder in der Versenkung verschwundenen YouTuber-WG „Ponk“ anschaut, deren Mitglieder sich allerdings auch noch heute auf YouTuber herumtummeln, so ist völlig klar, dass eine dauerhafte mediale Präsenz durchaus erwünscht ist. Prank- oder Comedy-Kanäle verfolgen ein ähnliches Ziel. Je mehr mediale Aufmerksamkeit desto besser. Sie genießen ihren Promi-Status.

„Die Stars von morgen werden auf YouTube geboren“, hieß es noch kürzlich.  Ein Grund mehr den Fokus immer mehr auf die Teenie-Celebs-Szene YouTubes zu richten. Nicht nur die Online-Presse reagiert auf diesen Trend: In der Print-Branche brachte die BRAVO einen Ableger ihres Teenager-Magazins – die sogenannte BRAVO TubeStars auf den Markt – mit allen wichtigen News aus der YouTube-Welt. Schon damals entbrannte eine Diskussion darüber, ob YouTuber überhaupt „Stars“ seien und so behandelt werden sollen.

Diese Frage scheint nur schwer zu beantworten zu sein und hängt wohl sehr von der jeweiligen Person ab. Allgemein lässt sich jedoch ein Trend auf der Videoplattform feststellen:  Im Zuge der zunehmenden Professionalisierung der Plattform und der dadurch entstandenen Verzahnung aus Content Creators, der Werbebrache und den traditionellen und neuen Medien, kommt es zu einer zunehmenden Kommerzialisierung der Plattform: Diese verleitet immer mehr Content-Ersteller dazu sich selbst besser zu vermarkten, nach mehr Aufmerksamkeit zu suchen. Entsprechend wenden sie sich an ihre „Partner“, die berichtenden Medien, die ihnen die Aufmerksamkeit geben, nach der sie verlangen.

Laut, schrill, zynisch und arrogant – der Status Quo der neuen YouTube-Generation. Das gefällt einigen alten Hasen, wie etwa Gronkh, nicht. Sie sehen sich nicht als Stars an, sondern wie früher in erster Linie als Unterhalter, als Kreative, als freischaffende Künstler, höchstens als Menschen, die es geschafft haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Ein hohes Privileg.

Man kann daher den Zorn verstehen, den einige YouTuber verspüren, wenn sie merken, dass mit ihrem Namen Schindluder getrieben wird, versucht wird aus ihnen Profit zu schlagen oder sie zu einem Spielball der klick-versessenen neuen Journalisten-Generation werden, denen vor allem der wirtschaftliche Erfolg ihres Mediums, als das journalistische Handwerk am Herzen liegt. Die Tatsache, dass es für Gronkhs „Wutrede“ großen Zuspruch gab, gibt einem Hoffnung, dass sich an den fragwürdigen Praktiken zur Gewinnoptimierung einiger Medienvertreter noch etwas ändern kann. Doch wie immer bestimmt die Masse über die Trends in der Medienbranche. Und bei diesem Gedanken kann es einem durchaus kalt den Rücken runterlaufen.

Redaktioneller Hinweis:  Kommentare spiegeln die Meinung des jeweiligen Redakteurs, allerdings nicht zwangsläufig die der gesamten Redaktion wider.