Partners in Time: Testbericht zu “Life is Strange”

Nach langen Jahren in Seattle darf Max Caulfield dank eines Stipendiums an der Blackwell Academy in ihrer Heimatstadt Arcadia Bay Fotografie studieren. Gerade hat sie sich im beschaulichen Küstenort eingelebt, da wirft ein einschneidendes Erlebnis sie wieder aus der Bahn: Auf der Damentoilette wird sie Zeugin eines Streits zwischen Nathan Prescott, dessen Vater die Schule gehört und einer jungen Frau, die Max zu diesem Zeitpunkt noch nicht einordnen kann. Der Streit eskaliert und Nathan zückt eine Waffe. Als er den Abzug drückt, will Max eingreifen und merkt plötzlich, wie sich die Zeit vor ihren Augen zurückdreht. Sie befindet sich wieder im Fotografie-Kurs, wie schon zehn Minuten zuvor. Sie rennt wieder zurück zur Toilette und rettet dem Mädchen das Leben, indem sie im entscheidenden Moment den Feueralarm betätigt und so den Angreifer in die Flucht schlägt. Langsam aber sicher lernt Max, dass die die Fähigkeit hat, die Zeit zurückzudrehen.

Life is Strange ist ein in fünf Episoden eingeteiltes Adventure des relativ jungen französischen Entwicklerstudios Dontnod, das bereits 2013 durch ihr Action-Adventure Remember Me auf sich aufmerksam machen konnte. Life is Strange, ihr bisher ambitioniertestes Projekt, betritt mit seiner Thematik Neuland in der Videospielwelt. Zwar erfüllt das Spiel auf den ersten Blick alle Vorraussetzungen um ein typisches Teenie-Drama zu werden, allerdings erweist sich die Geschichte als weitaus vielschichtiger als die Prämisse es andeuten lässt: Wir befinden uns an einer amerikanischen Hochschule. Max Caulfield ist ein schüchterne junge Frau, die sich erst einmal in die Welt der Erwachsenen einleben muss. In einer Übergangsphase von der Unbeschwertheit der Jugend hin zum Ernst des Lebens, versucht sie sich den Problemen, der sich ihr öffnenden Welt zu stellen. In vielerlei Hinsicht ist ihre Studienzeit aber nicht viel anders als ihre Schulzeit: Noch immer wird die Welt in vermeintlich Beliebte und Unbeliebte eingeteilt. Neid, Hass und Mobbing stehen auch im Studentenwohnheim der Blackwell Academy an der Tagesordnung. Als Max ihre Fähigkeit entdeckt die Zeit zurückzudrehen, verändert sich für sie Einiges. Sowohl im positiven, als auch im negativem Sinne. So trifft sie ihre Jugendfreundin Cloe Price wieder. Sie war das Mädchen, das sie auf der Damentoilette gerettet hat. Max erkannte sie kaum wieder. Als Max mit ihrer Familie nach Seattle zog veränderte sich ihr Leben rasant. Der Tod ihres Vaters machte ihr zu schaffen, sie geriet in Streit mit ihrem Stiefvater, ging auf Distanz zu ihrer Familie, trank und nahm Drogen. In dieser Zeit befreundete sie sich mit Rachel Amber, der beliebtesten Studentin der Blackwell Academy, die allerdings nun unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Cloe und Max sind entschlossen, den Fall aufzudecken.

Life is Strange ist allerdings viel mehr als das. Es ist abseits der Story vor allem ein persönliches Erlebnis. Es ist dem Spieler selbst überlassen, wie er seine Geschichte gestaltet und wie tief er in die Story eintauchen will. Konzentriert man sich bloß darauf schnell von A nach B zu kommen und die Rätsel zu lösen, flimmert zwar bereits nach einigten Stunden der Abspann über den Bildschirm, allerdings hat man auch nur die Hälfte es Spieles erlebt. Life is Strange lädt den Spieler dazu ein sich Zeit zu nehmen, die größtenteils frei begehbare Welt zu erkunden und belohnt jene, die auf die vielen kleinen Details achten, welche die Entwickler versteckt haben. Deshalb ist es auch unzutreffend in Bezug auf Life is Strange von einem interaktiven Film zu sprechen, unterscheidet sich das Spiel doch von bekannten Vertreten dieses Genres, wie Heavy Rain, Fahrenheit oder The Walking Dead von Telltale durch die vielen Freiheiten, die dem Spieler gegeben werden. Einige Gemeinsamkeiten hat Life is Strange dennoch mit genannten Spielen: So spielen Entscheidungen eine wichtige Rolle und stellen einen zentralen Teil der Spielmechanik dar. Durch die getroffenen Entscheidungen ergeben sich verschiedene Handlungsstränge, die allerdings im Vergleich zu The Walking Dead, vor allem in den ersten Episoden, nicht derart dramatisch ausfallen.

Das Spiel lebt vor allem von seinen starken Charakteren. Es gibt genügend Anreize, sich näher mit den Protagonisten und Nebenfiguren auseinanderzusetzen. Schon alleine Max’ Zimmer im Studentenwohnheim lädt förmlich dazu ein, mehr über sie herauszufinden. Man stöbert in Regalen und Schränken, lernt über ihre Vorliebe für Fotografie und Indie-Folk, Bücher von Ray Bradbury und spielt hin und wieder auf der Gitarre Songs von José Gonzalez. Jede Figur im Spiel hat ein eigenes Zimmer, was dem Spieler ermöglicht, in das Leben dieser Menschen hineinzuschauen, sie näher kennenzulernen, sie zu verstehen. Schnell fühlt man sich, als lebe man selbst auf dem Campus der Blackwell Academy. Das Spiel täuscht den Spieler absichtlich, indem es ihm zu Beginn des Spieles ein recht schwarz-weißes Charakterbild präsentiert. Wer das Spiel nur oberflächlich betrachtet, für den bleibt es auch bei diesem Bild. Dem aufmerksamen Spieler wird aber schnell klar, dass viele Charaktere nicht so eindimensional sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Es liegt am Spieler hinter die Fassade zu schauen. Zentral für die Geschichte ist die Beziehung zwischen Max und Cloe. Sie wird, nicht zuletzt durch das clevere Writing und die starke Leistung der Sprecher, mit einer unglaublichen Authentizität erzählt. Man fiebert mit den Charakteren mit, kann ihre Gefühle vollends nachempfinden, sich sehr gut mit ihnen identifizieren. Nichts wirkt gestellt oder hölzern. Selten konnte ein Videospiel mit einer so guten Charakterzeichnung aufwarten.

Die Musikuntermalung trägt maßgeblich zum Eintauchen in die Geschichte ein. Zu keinem Zeitpunkt wirkt die Musik aufdringlich. Das Spektrum reicht von Indie-Folk zu Alternative-Pop und passt perfekt zu der Stimmung, die das Spiel zu vermitteln versucht. Neben lizenzierten Tracks von José Gonzalez, Foals oder Alt-J, gelingt es Life is Strange durch viele selbstkomponierte Songs Atmosphäre aufzubauen. Der Grafik des Spieles könnte man vorwerfen nicht mehr auf dem neusten Stand zu sein, allerdings ist eine hochauflösende Grafik für ein Spiel wie dieses überhaupt nicht notwendig oder sogar kontraproduktiv. So wird eine gewisse Mystik aufrecht erhalten.

Schwachstellen weist Life is Strange vor allem im Hinblick auf die technische Ausführung auf. Zwar wurde Motion Capturing angewandt, allerdings kann man dies nur bedingt erkennen, da die Mund-Animation und Sprache teilweise sehr asynchron sind. Viele Nebencharaktere wirken durch fehlende Mimik außerdem recht hölzern. Allgemein weist das Spiel keine besonders große Animationsvielfalt auf. Den französischen Entwicklern wurde des Weiteren vorgeworfen, wenig Kenntnis über die amerikanische Kultur und der Jugendsprache zu haben, eine Kritik, die allerdings weit hergeholt scheint.

Life is Strange hat es wohl als einziges Spiel im letzten Jahr geschafft, über die Grenzen des Gaming-Szene hinweg für Aufmerksamkeit zu sorgen. So wurde das Spiel auf in den “etablierten Medien” besprochen, dort allerdings oft fälschlicherweise als “Teenie-Drama” oder “Trash” betitelt, was diesem Meisterwerk in keinster Weise gerecht wird. Life is Strange schafft es den Spieler in eine Welt zu entführen, die ihn nicht mehr loslässt. Dies schafft das Spiel vor allem durch das gute Storytelling und die starken Charaktere, mit denen sich der Spieler, egal ob jung oder alt, gut identifizieren kann. Wie Life is Strange die Spieler zu fesseln vermag, zeigen auch die Reaktionen im Internet, in diversen Foren und in den sozialen Netzwerken. Die Community rund um das Spiel ist im Vergleich zu AAA-Titeln zwar klein, allerdings sehr aktiv und dem Spiel sowie deren Charaktere sehr verbunden. Für jeden ist das Spiel eine andere Erfahrung. Wie man das Spiel erleben will, bleibt dem Spieler selbst überlassen. Egal wie hartgesotten man ist: Wer sich wirklich auf dieses Spiel einlässt, erlebt ein Wechselbad der Gefühle, das ihn definitiv nicht kalt lassen wird.

Jeff Croisé

Redakteur

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.