“The Witness”: Reif für die Insel

Im Süden der geheimnisvollen Insel grenzt das Dickicht des Dschungels an ein gigantisches Bergmassiv. Im Norden macht die Hitze der glühenden Wüste den Arbeitern im benachbarten Bergwerk zu schaffen. Dort, wo man neben einer Apfelbaum-Plantage eine Landschaft wie im Grand Canyon vorfindet und wo Sümpfe sich binnen weniger Meter in eine grüne Idylle verwandeln, hier, auf der Insel der Wunder beginnt und endet die Geschichte von The Witness, ein Rätselspiel des amerikanischen Entwicklers Jonathan Blow. In mühevoller Kleinarbeit, ist es Blow und seinem kleinen Team aus freiwilligen Mitarbeitern bei Thekla Games gelungen, ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches und einzigartiges Spiel zu schaffen, das wieder einmal beweist, dass das Rätsel-Genre noch lange nicht in die Mottenkiste gehört. Puzzle Games müssen eben nicht immer eine bloße Sammlung verschiedener Rätsel sein. Das bewiesen schon 2007 die Japaner mit der “Professor Layton”-Reihe für den Nintendo DS, die Rätsel mit einer interessanten Story und aus anderen Genres bekannten Elementen verbanden. The Witness geht allerdings noch einen Schritt weiter: Da das alleinige Lösen von Rätseln auf Dauer ermüdend sein könnte, lädt The Witness den Spieler ein, eine riesige, frei begehbare Welt zu erkunden und sich am bunten Treiben auf dem Bildschirm zu erfreuen.

Auf der ganzen Insel verteilt befinden sich Bildschirme. Sie stellen die Grundlage für die Rätsel dar, deren Mechanik während des ganzen Spieles in seinen Grundzügen beibehalten, allerdings stets verfeinert und weiter ausgeschöpft wird. Auf diesen Bildschirmen versucht man einen an Kabel erinnernden Lichtstrahl von einem Startpunkt aus ins Ziel zu bringen. Während dies bei den ersten Rätseln noch relativ einfach ist und klar nach dem Irrgarten-Prinzip funktioniert, wird man schnell mit Rätseln konfrontiert, die nach einer bestimmten Logik funktionieren, die man allerdings selbst herausfinden muss. Dem Spieler wird nichts erklärt, er muss selbst durch das Begehen von Fehlern auf die Lösung des Rätsels kommen. Viele Rätsel bauen aufeinander auf, dennoch lädt einen das Spiel dazu ein, ein Rätsel auch mal bei Seite zu lassen und sich an anderer Stelle umzuschauen. Die Insel ist in viele verschiedene Rätselareale eingeteilt, die alle einer bestimmten Klimazone oder Zeitepoche zuzuordnen sind. In jeder Region gehorchen die Rätsel anderen Gesetzen, die es zu erkennen gilt. Im einen Areal gilt es zum Beispiel mittels Leuchtstrahl weiße und schwarze Punkte von einander zu trennen, in einem anderen wiederum zwei Strahlen symmetrisch ins Ziel zu bringen. Die Rätsel sind teilweise sehr knifflig und es gibt innerhalb des Spiels jeder die Möglichkeit Tipps zu erhalten noch in einem Areal ein Rätsel zu überspringen. Dennoch bleibt das Spiel immer fair: Es setzt keine komplizierten mathematischen Kenntnisse voraus, sondern verlangt vom Spieler nur, dass er sich für die Rätsel Zeit nimmt. Hier gilt: Kommt Zeit, kommt Rat. Wer mit offenen Augen und etwas logischem und räumlichen Denken durch die Welt von The Witness geht wird sich schnell zurechtfinden. Doch auch, wenn man ein Rätsel einmal nicht lösen kann, bietet einem das Spiel an, sich an anderer Stelle weiter umzusehen und später mit neuem Elan zu diesem Rätsel zurückzukehren.

Die wunderschön gezeichnete Landschaft von The Witness lädt geradezu zum Erkunden ein. Die Insel erinnert an einen großen Zen-Garten: Trotz der Gegensätze aus Wüste und Wiesen, Sumpf und Savanne, Wasser und Erde, wirkt alles harmonisch. Das Spiel strahlt allgemein eine gewisse Ruhe aus. So wird auf Musik wurde komplett verzichtet. Stattdessen setzt das Spiel auf sanfte Naturgeräusche. Das Plätschern eines Baches, das Rauschen des Meeren, der Wind in den Bäumen wirken so entspannend auf den Spieler, dass er die Musik überhaupt nicht vermisst. Wenn man sich eine Auszeit von den Rätsel gönnen will, kann man auch einfach eine Bootstour rund um die Insel machen und einfach die Natur bewundern.

Trotz kniffliger Rätsel und einer Spieldauer von ungefähr hundert Stunden kommt dank der vielen Freiheiten die dem Spieler gewährt werden, nie wirklich Frust auf. The Witness ist ein echtes Meisterwerk und wird noch lange als Musterbeispiel des Rätsel-Genres in Erinnerung bleiben.

Jeff Croisé

Redakteur

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